Konvergente Medieninstallation
Tabakfabrik Linz
2011

Konzept | Inszenierung | Raum:
Bernd Kranebitter

Full Credits


 

Eine genreübergreifende Konvergenz von Installation, (choraler Klang-) Skulptur, Performance und Live-Radio-Hörspiel zu einem übergeordneten Thema: Von der Notwendigkeit des Aufdeckens von prekären Informationen und Ungerechtigkeiten sowie vom Bedürfnis des Erzählens von menschlichen Schicksalen, die damit einhergehen.

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Fotos © Aldo Ernstbrunner  — [Exept: Fotos 1,2,6,8,9,11,26]

 
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Dead Letter Office – Unzustellbare Briefsendungen

Im Frühjahr 2011 wurde in der oberösterreichischen Landeshauptstadt neben dem bestehenden offiziellen Hauptpostlageramt ein weiteres temporäres Postlageramt für unzustellbare Briefe * errichtet.

Zahlreiche anonyme Briefe landeten in den (damals) stillgelegten Gemäuern der denkmalgeschützten Tabakfabrik Linz, nachdem BriefschreiberInnen dem Aufruf gefolgt waren, Geschichten von aussichtslosen und „festgefahrenen“ Situationen ihres Lebens zu schildern.

In einer performativen Inszenierung öffnet ein Detektiv (gespielt von Thomas Bammer) einzelne versiegelte Briefe, die noch nie gelesen oder gehört wurden, und wird so zum Sprachrohr für beunruhigende und intime Erzählungen. Das Publikum selbst wird zum Empfänger der Nachrichten:
In einem Brief erinnert sich eine Mutter an den 27. April 1986, einen Tag nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Die Medien können nichts genaues berichten. Sie ist im sechsten Monat schwanger und die Zukunft für ihre Familie scheint ungewiss. Die Situation ist äußerst angespannt und scheint insbesondere aufgrund der dürftigen Informationslage gefährlich, obwohl Tschernobyl fast 1200 Kilometer von Österreich entfernt liegt. Sie muss ihren Kindern erklären, dass sie nicht mehr im Freien spielen dürfen.
In einem anderen Brief erinnert sich ein Soldat der UCK, der sogenannten „Befreiungsarmee des Kosovo“, an jenen Tag im Jahre 1998, an dem er die Entscheidung getroffen hat, in ein anderes Land zu flüchten. Er fürchtete, nicht nur von den gegnerischen Soldaten umgebracht zu werden, sondern entkam auch, nachdem er sich gegen seine Vorgesetzten aufgelehnt hatte, drei misslungenen Attentatsversuchen, welche von seiner eigenen Einheit verübt wurden.
In einem weiteren Brief beschreibt ein Autor und Journalist den bisweilen unaufgeklärten Mord am Linzer Journalisten Günther Schädel vor etwa zwanzig Jahren in der Linzer Innenstadt. Er macht die Exekutive für grobe Ermittlungsfehler verantwortlich und imaginiert sich in den Kopf des Mörders, der vermutlich immer noch frei herumläuft.

Dead Letter Office – De Profundis

Der Aspekt der „Festgefahrenheit“ von Kommunikation begleitet den Betrachter stilistisch und inhaltlich durch verschiedene Ausdrucksweisen der Arbeit, stets in Interaktion mit der Architektur und Akustik der stillgelegten Räumlichkeiten:

Von skulpturalen Installationen über eine performative Radiolesung bis hin zur endgültigen Zerstörung der gelesenen Briefe. Dieser letzte symbolische Akt der Befreiung wird von einer Neuinterpretation von Arvo Pärt ́s „De Profundis“ musikalisch unterstrichen: Eine Komposition für gemischten Chor (Brucknerchor Linz), Radio-Störgeräusche, Subbass und Häcksler.

Die Notwendigkeit des Aufdeckens und das Bewußtmachen von Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichten auf gesellschaftlicher, politischer und persönlicher Ebene rückt signifikant in den Mittelpunkt.

Exzerpt aus:
„Dead Letter Office“ – De Profundis
Diplomarbeit an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz
Eine genreübergreifende Konvergenz von Installation, (choraler Klang)Skulptur, Performance und Live-Radio-Hörspiel.
 
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Briefsendungen, an denen weder Empfänger noch Sender ausfindig gemacht werden können, landen meist in einer Endlosschleife der Unzustellbarkeit oder sie erreichen das Postlageramt als letzte Station, wo sie irgendwann vernichtet werden, wenn kein Empfänger/Sender ausfindig gemacht werden kann.